Ein verrückter Gedanke durchzuckte mich. Blitzschnell beugte ich mich vor und faßte nach der schmalen, aber energisch auf den Schreibtischrand gestützten Hand der Fürstin. Ich riß sie an mich, spürte unter meinem Zugriff die nervige Beschaffenheit dieser Zügel und Sportgeräte gewöhnten Hand und rührte sie dann, wie Verzeihung erbittend, zum Mund. Sie war geschmeidig und von normaler Wärme, duftete zart nach dem unbegreiflich animalisch erregenden Parfüm, das die Fürstin an sich hat; aber sonst war an ihr weder etwas Gespenstisches noch etwas Dämonisches wahrzunehmen. Die Fürstin entzog sie mir, um eine Sekunde verzögert, und hob sie, wie in halber Drohung und halbem Ernst, gegen mich.
»Es wäre angebracht, diese Hand zu anderem zu gebrauchen, als sie einem so launenhaften Gönner zu nichtssagenden Schmeicheleien zu überlassen«, wetterleuchtete sie; der Schlag, den sie mir an die Wange gab, war auch von Fleisch und Sehnen, wenn auch noch so feinrassigen, erteilt.
(Gustav Meyrink, Der Engel vom westlichen Fenster)